Samstag, 19. Mai 2012

Umwege


an einer Erzählung herumprobiert und
zuletzt ein Gedicht angefangen
an dem weiterzumachen sich lohnt

eine Heirat, um sich
von einem Mann trennen zu können

mäandernde Flüsse, auf die am Ende das Meer wartet
der Vogel, der mit einer Steinsammlung um die Schöne wirbt
Blumen, bevor man in Verhandlungen eintritt
barocke Kapitelüberschriften

warten lernen
oder besser nicht warten
ein Bad nehmen
Wäsche einräumen
Gartenarbeit
halb gedankenlos
halb konzentriert

so machen wir uns auf den Umweg

rücken eine Vase zurecht
treten noch einmal auf den Balkon
schnipsen vom Tisch die Brösel

dann sind wir auf einmal da


Gedicht von Tina Stroheker

Tina Stroheker *1948 in Ulm/Donau lebt in Eislingen. Sie hat zahlreiche Gedichtbände und Prosa veröffentlicht und viele Preise und Stipendien erhalten (z.B. 1991 den Leonce-und-Lena-Förderpreis und 2003 den Josef-Mühlberger-Preis). Mitglied ist sie u.a. im Deutschen P.E.N.-Zentrum. „Umwege“ ist aus dem Band „Was vor Augen liegt“, Tübingen 2008. Mehr auf  http://www.tina-stroheker.de/

Mittwoch, 2. Mai 2012

jenseits von Afrika...

jenseits von Afrika: nicht hier, wenn im Sommer
Rauch aus den Öfen steigt (wo Plötze und Bach-
forellen an ihren zweiten Haken hängen)
ein eingezogner Boden unter kornklarem Himmel
Afrikafahrer führn ihn unter ihrem Fuß (ihren ruß-
schwarzen Sohlen)
eine Buckelstraße geht zum See, ein Mondgebirge
fern der Dächer und Dachse
mein eigener Ort
beim Anpfiff der Grillen
                                                mein witternder Springer


Gedicht von Anke Bastrop

Anke Bastrop *1982 in Halle, lebt heute in Leipzig, wo sie Germanistik, Journalistik und Literarisches Schreiben am DLL studiert. Sie veröffentlichte bereits in mehreren Zeitschriften und Anthologien und ist Mitglied der Literaturgruppe augen : post, siehe www.augenpost.de

Sonntag, 15. April 2012

Liebe Sibylla,

neulich musste ich nochmal an deinen vorletzten Brief denken, in dem du kurz über Norbert Hummelts Essay aus der Edit geschrieben hast. Dass er argumentiert, Lyrik schreiben sei besser für die geistige Gesundheit, Prosa schreiben führe hingegen eher zu Depressionen. Das hätte ich gerne mal genauer nachgelesen. Auf jeden Fall bin ich neulich beim Recherchieren auf eine wissenschaftliche Studie zu dem Thema gestoßen, die einen umgekehrten Zusammenhang behauptet. Es ging um Kreativitätsforschung und darum, dass Frauen, die Lyrik schreiben, eher an psychischen Krankheiten leiden. Oder andersrum: Frauen, die an psychischen Krankheiten leiden, schreiben eher Lyrik. Dieses Ergebnis hat sogar einen Namen bekommen. Es handelt sich um den „Sylvia-Plath-Effekt“! Die Fragstellung an sich finde ich allerdings schon seltsam. Sie funktioniert höchstens metaphorisch, um die Unterschiedlichkeit der Schreibprozesse zu illustrieren. Aber aus einer ernsthaften Betrachtung müsste man absurde Empfehlungen ableiten wie „bei Ihrem Geschlecht und Ihrer Vorbelastung rate ich eher zu Prosa“.

Im Moment finde ich Zuhause als Arbeitsort übrigens gut. Allerdings habe ich es mit der Gemütlichkeit wohl etwas übertrieben. Hatte meinen Arbeitsschwerpunkt auf die Couch-Ecke, Beine hoch, verlagert und leide jetzt unter starken Rückenschmerzen im Lendenwirbel-Bereich, so dass ich wieder zurück an den Tisch gezogen bin, zumindest unter der Woche. Ansonsten könnte ich gut mehr Arbeitszeit inklusive der nötigen Konzentrationsfähigkeit gebrauchen. Außer neuen Gedichten – apropos  es wurden jetzt zwei ältere Texte, „Nebel für Berlin“ und „Stille“, die auch hier im Blog stehen, für diese Junge Autor/innen aus NRW-Anthologie vom [SIC]-Verlag ausgewählt – würde ich auch gerne einen wissenschaftlichen Artikel über Siri Hustvedt schreiben. Ich hatte schon mehrmals angesetzt, die Ergebnisse aus der Magister-Arbeit umzuformulieren und es dann verworfen, mal aus inhaltlichen, mal aus Zeitgründen. Immer wenn gerade Ruhe eingekehrt ist, werde ich wieder darauf gestoßen. Es wird jetzt mehr über sie veröffentlicht und sie ist sogar als Gast bei der nächsten Jahrestagung der deutschen Amerikanist/innen mit Lesung und Vortrag vertreten. Da juckt es mich schon sehr…

Ganz viele Grüße,
deine Eva

Mittwoch, 28. März 2012

Dort

Jetzt sickern die Tage allmählich unter
die Haut und werden zu Wochen und
Jahren dort wo früher nichts war oder

doch eine Landschaft kaum erkennbar
für einen zufälligen Wanderer nun aber
fließt Zeit und es entstehen Siedlungen

am Ufer zerbrechliche Hütten und
Stimmen hört man den Gesang von
Wiegenliedern dass so etwas schön

ist weiß man so wird es nicht bleiben
auch das wissen wir längst und bei
den Ärzten sagt man wir hätten ein

abnehmendes Herz das kaum mehr
Licht gibt im Dunkel nur noch als
Sichel schwebt es wie unser liebstes

Gestirn über den Hütten und selbst
dort blicken die Alten mit Sorge zum
Himmel bereits dort ja genau dort


Gedicht von Max Sessner


Max Sessner *1959 in Fürth/Bayern, lebt und arbeitet heute in Augsburg. Er hat in Zeitschriften und Anthologien und im Internet veroeffentlicht (http://www.poetenladen.de/max-sessner.htm), sowie mehrere eigenstaendige Gedichtbaende herausgebracht. Zuletzt erschien der Band "Warum gerade heute" im Literaturverlag Droschl (Februar 2012). Das Gedicht "Dort" ist hier in "Liebe Ella" zum ersten Mal veroeffentlicht.

Sonntag, 4. März 2012

Der so oft beschriebene klangort der vögel:

allein im waldgebiet ein stückchen hinterm haus,
nur hinten in der.. borktriefenden tiefe so eines
nordbrandenburger hains (die alte stachbeerenlaube..)

also die vordere baumreihe, dieses auslöschende
von allen birken verlassene licht: dahinter vogelstreit
und sängeratem: schlechtwetterfront am nachmittag
und abends lahmt der letzte schreihals durch das bild

am sängerweg, dem lauten, nur ihre flüche einzufangen
auf so ein bandgerät, die stimmbandwaffe später, was dann
für immer so authentisch bleibt; die feldarbeit, die man im
spiegel betrachtet und an den fingern/ und einer singt

aus seiner deckung irgendwo/ gekropftes gebüsch, dort im flieder
der ohrenkundler, wie ein verbotener schütze und am morgen
bringt ein anderer den trog mit den stimmen, es klingt
als ob die reiflauten baumreihen vor lachen zerplatzen.


von Klara Beten

Klara Beten * 1981, lebt in Berlin. Sie hat in verschiedenen  Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und gerade erschien der Band „kopfbild, default“ Gedichte, Leipzig 2012. Sie war Beiträger im Forum der 13 und erhielt den Dulzinea Lyrikpreis. http://klarabeten.blogspot.com