Dienstag, 15. November 2011

mappa

was ist der wohnort? der wohnort ist
eine kreuzzehn. was ist die kreuzung?

in der verkorksten mundart der wälder
ist die kreuzung das wort baum. warum

spielen heimatländer in den lüften karten?
niemand hat die länder je nach hause gehn

sehn. ein baum im wald der nähesprache
ist im kartenspiel die zehn. aus seinem holz

werden auf der karte kreuze gemacht.
die länder tragen hier ihren wohnort ein,

dann legen sie die feder ins mäppchen
zurück. was ist ein mäppchen? zurück.

mit nelly sachs

Gedicht von Uljana Wolf


Uljana Wolf *1979 in Berlin, lebt als Lyrikerin und Übersetzerin in Berlin und Brooklyn. Für ihre beiden bisher veröffentlichten Gedichtbände spielen sprachliche und räumliche Verortungen eine wesentliche Rolle. In "kochanie ich habe brot gekauft" (2005) besonders in Hinsicht auf die deutsch-polnische Beziehung und in "falsche freunde" (2009) in Hinsicht auf den deutsch- und den englischsprachigen Raum. Im poet mag 10 wurde sie von Jan Kuhlbrot zum Thema Schreiben und Orte interviewt, hier nachzulesen: http://www.poetenladen.de/jan-kuhlbrodt-uljana-wolf.htm.

Montag, 7. November 2011

Liebe Eva,

heute ist der erste richtig regnerische Tag in Mostar, der voraussichtlich eine lange Reihe von Regentagen einleiten wird, an denen es zwar nicht kalt, dafür aber draußen richtig ungemütlich sein wird. In unserer neuen Wohnung haben wir einen Ofen und wenn es auch noch den ganzen Tag lang ein bisschen blitzt und dauerdonnergrummelt ist es hier drinnen schön gemütlich. Trotzdem bin ich froh, dass die Zeit des Frierens und Sonnenentzugs jetzt erst so langsam anfängt, denn das Schlimmste am deutschen Winter ist ja, dass man Anfang Februar schon vier triste Monate hinter sich hat und immer noch nicht wirklich ein Ende in Sicht ist. Die saisonbedingte Verstimmung hält sich dadurch mit etwas Glück in Grenzen. Ich freue mich schon sehr auf deinen Besuch in zwei Wochen und finde es auch gut, dass du Mostar diesmal zu einer ganz anderen Jahreszeit, von einer ganz anderen Seite kennenlernen wirst. Wenig Touristen, vielleicht mit Dauergewittern und Wolken, die unbewegt in den Bergen hängen und die Welt ganz klein werden lassen.
Meine Lektüren in der letzten Zeit sind spärlich, was nicht nur daran liegt, dass ich hier mit Büchern, v.a. natürlich mit Büchern auf Deutsch, schlecht versorgt bin. Wenn ich mal eine Minute Ruhe habe, surfe ich im Internet oder gucke einen Film, weniger aus einem Interesse heraus als aus einer stupiden Lust auf Unterhaltung ohne Anstrengung (von der Beliebtheit gut gemachter Fernsehserien habe ich in letzter Zeit schon gehörte, aber mich bis jetzt selber noch keiner gewidmet. Kannst du mir eine zum Einstieg besonders empfehlen?). Schöner ist jedoch immer, ein Buch zu lesen. Das Gefühl, sich sinnvoll beschäftigt zu haben und auf neue Gedanken gekommen zu sein bleibt. Im Prosaheft der Edit vom Frühjahr habe ich noch einmal herumgeblättert und den Essay von Norbert Hummelt ein zweites Mal gelesen, ihn wieder gemocht in seinem Understatement. Und die These, dass Lyrik schreiben besser für das seelische Gleichgewicht ist und die Arbeit am Roman zu Depression und Selbstmord führen kann, ist doch recht ungewöhnlich. Der Lyriker Hummelt wendet so jedenfalls geschickt den Ratschlag zum Roman ab, denn eine solche Verantwortung möchte natürlich niemand auf sich laden.

Noch immer Regen und über dem Fluss fliegen Möwen hin und her.

Bis bald,
Sibylla

Sonntag, 23. Oktober 2011

Grobkörnig, mit Herodot

Das Licht ist grobkörnig, wie
verstreut. Vielleicht lässt es sich
finden in tieferen Schichten. Sie
aber bleibt bei sauberen Händen
nimmt höhere Empfindlichkeit
und geht auf Abstand. Anstatt
sich anzusprechen, küssen sie sich
auf den Mund. Das kann sie
einfangen, das ist gut für heute.


von Adrian Kasnitz

Adrian Kasnitz * 1974 lebt als Schriftsteller und Herausgeber (parasitenpresse) in Köln. Zuletzt veröffentlichte er den Band "Schrumpfende Städte" (Luxbooks, Wiesbaden 2011), der auch das Gedicht oben enthält. Alles weitere hier http://www.luxbooks.de/autoren/adrian-kasnitz.

Montag, 10. Oktober 2011

Spaziergang

Vor dem Fenster bleibt er stehen
Hinter der Scheibe eine weitere Scheibe
In splittriges Gold gerahmt
Zunächst gemischtes Grün zu sehen
Dann entdeckt er Blüten blass getarnt
Ein schmaler Wasserlauf rauscht
Von einem Baum guckt
Das Augenpaar eines Orang-Utans
Ein Blick wird ausgetauscht

Ihm wird gewahr was lang latent war
Seit Stunden stört das Brummen
Eines klein kreisenden Hubschraubers
Die sonntägliche Stille
Zwischen den hohen Häuserzeilen
Fühlt er sich beim Spazieren
Wie ein gejagtes Tier

Sonntag, 18. September 2011

    diese sich neigenden Gräser /
NATURA EROTICA. alles schwimmt
    und das Wort Diplomatie
drängt sich auf. auch für diesen Nachmittag:
    1–2 Brisen Wind
bei diskreten achtzehn, neun-
zehn Grad
...

von Thien Tran

Thien Tran * 1979 in Ho Chi Minh-Stadt, † 2010 in Paris lebte länger in Köln und veröffentlichte in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien.  2008 erhielt er den Lyrikpreis beim Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin. Sein Buch „Fieldings“ erschien 2009 beim Verlagshaus J. Frank. Mehr auf http://www.poetenladen.de/thien-tran.htm