Samstag, 23. Juli 2011

ein gedecktes viertel basar

dass du mich suchst in den animierten stoffen
                                      in den werkstätten für
gefälschte leguane vielleicht siehst du mich
einen armreif entlang huschen
wo begrenzte zweifel in die zeit gedrechselt
und einen hand gewebten sesamkringel
zwischen den zähnen
das verstaubte mundstück einer wasserpfeife
schau nach in den gewürzherbergen
                              den labyrinthen aus schwestern
und drapierten brüdern ich fliese dir wandhoch
einen weg
aus iznik-kacheln
                                         als lastenträger baufälliger
himmelskörper


von Achim Wagner


Achim Wagner *1967 in Coburg, lebt als freier Autor in Köln und Ankara. Seit April 2011 moderiert er (gemeinsam mit Nico Sandfuchs) eine regelmäßige Reihe von Literaturgesprächen im Goethe-Institut Ankara. Mehrere literarische Auszeichnungen, so in 2009 das sechsmonatige Istanbulstipendium der Kunststiftung NRW. Als letzter Einzeltitel erschien 2011 sein Gedichtband "flugschau" im [SIC] – Literaturverlag (http://tubuk.com/book/flugschau).

Donnerstag, 16. Juni 2011

im übersiedelungsjahr

wie groß die tiere
auf der anderen seite sind:

trinken das zuckerwasser der melonen,
reiben sich am geräteschuppen

manches gras stand dir bis zum hals
mit diesen echsen schulter an schulter
schien dir jedes züngeln

wie in die wiege gelegt
die verarmte mütter vom ufer stoßen
damit sie noch weit schwimmt



von Vesna Lubina


Vesna Lubina *1981 als Tochter bosnischer Immigranten in Witten an der Ruhr, lebt in Bochum und San Francisco. Sie studierte Philosophie, Literatur-Kunst-Medien, Religionswissenschaft und Literarisches Schreiben in Konstanz, Tübingen und New York. Sie veröffentlichte Gedichte in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in BELLA triste 27. 2010 erhielt sie ein USA-Stipendium der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen.

Montag, 30. Mai 2011

Liebe Sibylla,

nachdem du dich im letzten Brief mit den gesellschaftlichen Bedingungen des literarischen Schaffens im Zusammenhang mit der Forderung nach mehr politischem Engagement aus dem Bella triste-Artikel beschäftigt hast, möchte ich was zu Genre-Fragen schreiben. Es verdichten sich nämlich Erlebnisse, die mit einer Rechtfertigung von Lyrik zu tun haben.

Dass Lyrik gesellschaftlich und im Buchhandel kaum präsent ist, ist ja sowieso offensichtlich. Obwohl man es auch manchmal vergessen könnte, wenn man sich etwas in der Szene bewegt, die ja wiederum sehr lebendig ist und viele gute Organe hat. Aber sie ist doch sehr abgeschottet und auch elitär. Die meisten Menschen haben weder strukturellen noch emotionalen Zugang zu lyrischen Texten. Man hat verlernt, etwas damit anzufangen. Daraus ergibt sich automatisch, dass man zur Botschafterin für Lyrik wird, sobald man sich ihr in irgendeiner Form widmet. So hat mich die Zweitbetreuerin meiner Dissertation darauf aufmerksam gemacht, dass ich spätestens bei der Verteidigung gefragt würde, warum ich mich überhaupt mit Lyrik beschäftige, das sei doch nicht zeitgemäß.

Diese Erfahrungen hast du bestimmt schon viel früher gemacht, weil du ja zum Beispiel schon deine Magisterarbeit über Lyrik geschrieben hast. Aber mir gefällt der Gedanke, alleine durch die Themenwahl zur Erhaltung dieses traditionsreichen und spannenden Genres beizutragen, das ganz andere sprachliche Möglichkeiten bietet als Prosa.

Liebe Grüße aus dem heute hochsommerlichen Berlin,

deine Eva

Sonntag, 15. Mai 2011

alles geordnet wie ein pfeilschwarm

die vögel die sich einsortierten aufflatterten
ihre geschwindigkeit mit ganz sichren flügeln
aufnahmen & dann in die rauten ihres
glasdachs – mein kopf lag wie von selbst
im nacken noch bevor das bild eintraf

dieser verzug mit dem bewegungen
sich in die muster einpassen – akkord
folgen in taktgitter gesperrt daran
lag es aber nicht – koinzidenz von knipsbild
& rhythmus die dumme vertraute idee

die von der seite kam im augenwinkel
unter den fahrtgeräuschen liegen blieb
murmel in der kuhle sanfte rotation
& dann perfekt frostüberzogen baum
-schulen – abgesprochen unvermutet

stöbern: fiese kleine geister


von Katharina Schultens


Katharina Schultens * 1980 in Kirchen, Rheinland-Pfalz lebt in Berlin. Sie hat Kulturwissenschaften in Hildesheim, St. Louis und Bologna studiert und arbeitet als Referentin im Bereich Forschungsverwaltung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2004 erschien ihr Lyrikband "Aufbrüche" im Rhein-Mosel-Verlag und sie veröffentlicht regelmäßig Lyrik sowie poetologische Texte in Zeitschriften (u.a. bella triste, randnummer, ostragehege) und Anthologien (u.a. Lyrik von Jetzt II, Neubuch). Außerdem wurde sie unter anderem mit dem Georg-K.-Glaser-Förderpreis 2007 ausgezeichnet. Gerade ist ihr zweiter Lyrikband erschienen, "gierstabil" bei luxbooks. Mehr dazu hier http://www.luxbooks.de/buecher/gierstabil

Samstag, 30. April 2011

Liebe Eva,

der Begriff Bionadebiedermeier scheint sich wachsender Beliebtheit zu erfreuen, ich hatte ihn, trotz meiner Distanz zum deutschen Sprachraum, auch schon mehrmals gehört und nun kürzlich in der BELLA triste gelesen. Sein Reiz besteht in der Alliteration und seinem oxymoronischen Charakter, da Bio-Produkte bis vor einigen Jahren noch für eine alternative und fortschrittliche Lebensweise standen, das Gegenteil also von konservativem Biedermeiertum. In der BELLA triste 29 behauptet Paul Bodrowski, dass "die Gegenwartsliteratur primär von Klavierunterrichtnehmern und Bionadebiedermeier durchdrungen ist", also von Vertreterinnen und Vertretern der bürgerlichen Mittelschicht. Surprise! Sind doch mindestens bürgerliche Existenzbedingungen Voraussetzung, um sich mit Unterstützung, Zeit und Muße der Literatur widmen zu können. Die verbreitete, mehr oder weniger gefakte Autorenbiografie (welche Biografie ist nicht gefakt?) "hat sich als Mitglied einer Jugendgang, Gärtner, Kellner, Postbote... durchgeschlagen, bevor er sich als freier Schriftsteller etablierte", finde ich Kitsch, bürgerlichen. Ich bin aber nicht grundsätzlich gegen Kitsch.

In Bodrowskys Essay geht es in erster Linie darum, dass in gegenwärtiger deutschsprachiger Prosa der übermächtige Gegner eines repressiven Herrschaftssystems als dramatisches Element fehle. Bodrowsky ist der Meinung, dass das eben nicht an der freiheitlichen deutschen Gesellschaft liege, sondern daran, dass sich Autoren wie Figuren der Texte im Mittelschichtmilieu bewegen, in dem staatliche Repression und Existenznot wenig zu spüren sind. Da ist etwas dran... und trotzdem, nach fast zwei Jahren Mostar muss ich sagen, Deutschland geht es gut und es kümmert sich doch um alle ein bisschen. Es ist ein Unterschied, ob es um mehr oder weniger geht oder - wie hier - um nichts oder weniger als nichts. Es ist ein Unterschied, ob man sich als Mitglied einer breiten bürgerlichen Mittelschicht Gedanken über die Grenzen seines eigenen geistigen Horizonts macht, oder ob man in einem Land aufgewachsen ist, in dem gar keine einflussreiche Mittelschicht existiert. Von Vorteil für die Literatur ist das jedenfalls nicht.

Diese Überlegungen als Wort zum morgigen Tag der Arbeit. Der ist hier so beliebt, dass man, da er auf einen Sonntag fällt, gleich Montag und Dienstag mit als Feiertage ausgerufen hat. Wenigstens etwas fürs Volk.

Liebe Grüße,
Sibylla