Montag, 30. Dezember 2013

Liebe Sibylla,

nochmal offiziell herzliche Glückwünsche zum Preis und zum frischen, schicken Poetenladen-Profil www.poetenladen.de/sibylla-vricic-hausmann.php. In lyrischer Hinsicht kann der Jahresrückblick somit positiv ausfallen, würde ich meinen.
Mein 2013 war literarisch zwar einigermaßen produktiv, aber es gibt noch viel Luft nach oben. Privat und beruflich habe ich dieses Jahr gut abgesahnt, wobei es sich teilweise um Vorschusslorbeeren handelt. Das nächste Jahr wird dann einiges an Disziplin erfordern, um den Dingen auch gerecht zu werden. 

Jetzt gerade befinde ich mich aber eh in einer ganz anderen Zeitrechnung. Mit einem Neugeborenen wird – wie du weißt, man aber im ganzen Ausmaß wieder vergisst – jeder kleine Gang nach draußen zu einer großen Aktion. Die gleiche Wohnung wird plötzlich anders genutzt und man versucht, alles Mögliche gleichzeitig zu machen. Baby im Arm, den Größeren bei Laune halten, Kochen und immer wieder was wegräumen oder beim Stillen, weil man ja eh gerade sitzt, den Computer auf den Knien balancieren.
Von daher schreibe ich heute auch nur ganz kurz und wünsche dir (und allen anderen) einen guten Rutsch und das Beste für 2014! Merke gerade, wo ich die Zahl schreibe, dass mir das neue Jahr wirklich Respekt einflößt. Also, toi, toi, toi. 

Viele liebe Grüße
Eva

Donnerstag, 28. November 2013

In den Schären

Wir sitzen auf grob gezimmerten Bänken
Der Wind trägt die Salzluft zur holzgrauen Hütte
Ein blonder Geschwisterreigen zieht vorbei
Würfelt sich durchs hohe Gras hinunter zum Strand
Wir hören die Sprünge vom Landungssteg
In die kalte Baltische See
Mittags das Signalhorn der Fähre vom Festland
Du pfeifst mit blauen Zähnen
Sortierst deine losen Blätter
Beschwerst sie mit dem Kartoffelmesser
Ich trenne Blaubeeren von Preiselbeeren
Und schreibe in mein Heft:
Der heutige Tag: primär zyanblau.

Gedicht von Sandra Hubinger


Sandra Hubinger ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Salzburg und Manchester. Danach Lehrtätigkeit in Frankreich und Österreich. Sie schreibt Lyrik,  Prosa und Theatertexte und veröffentlichte Gedichte in mehreren Lyrikzeitschriften (Kaskaden, die Lyrikzeitschrift, Augustin). Zur Zeit studiert sie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien. 2013 erhielt sie den Feldkircher Lyrikpreis (3. Platz) für einen Zyklus von Gedichten, die sich mit dem Vers "satt liegt meine Hand in der Wölbung deines Rückens" von Elisabeth Steinkellner auseinandersetzen. Zu diesem gehört auch ihr Gastbeitrag "In den Schären". Aus der Begründung der Jury: "Sandra Hubingers Aufmerksamkeitsradar richtet sich auf ein Gegenüber, dieses "Ich" sucht den Kontakt, der im Idealfall die Begrenzung des Eigenen überschreitet, sich öffnet, einfühlt in die Stimme des Anderen, sich bei ihm Ausruhen möchte, vermittelt stets über die Aufzeichnung von Sinneseindrücken des Sehens/Sprechens/Hörens, niemals als gefühlsselige Beschwörung von Rauschzuständen." 

Montag, 11. November 2013

Liebe Eva,

nach Feldkirch gefahren, Preis erhalten, aufgeregt gewesen, dankbar gewesen, gelesen und sehr gut gefrühstückt im ehemaligen Hotel Alpenrose (jetzt "Gutwinski"). Den ersten Preis bekamen Tabea Xenia Magyar und Tristan Marquardt für eine Gemeinschaftsarbeit, einen Zyklus von vier Gedichten. Als G13-Mitglieder meinen sie es wirklich wörtlich mit dem Lyrikkollektiv, es geht in letzter Konsequenz um gemeinsames Schreiben, mehrstimmige Gedichte. Wahrscheinlich war das bekannt - aber mir wurde es erst in Feldkirch deutlich. Interessanter, in vieler Hinsicht funktionierender Ansatz. Der Gewinnerzyklus sehr atmosphärisch und mal wieder ein Beweis, wie wichtig der Form-Gedanke, eine konsequente und harmonische äußere Gestaltung für Gedichte heute ist.

Hier kann man die Gewinnertexte anschauen:

http://www.saumarkt.at/lyrikpreis/feldkircher-lyrikpreis-2013-preistr%C3%A4gerinnen

Dass Lyriker/innen eng zusammen arbeiten, voneinander lernen und sich beeinflussen halte ich für den Normalzustand. Kann ein Gedicht fertig sein, bevor es von einer anderen Poetin wahrgenommen und kommentiert worden ist? Vielleicht, aber das ist eher die Ausnahme und möglicherweise ist es dann trotzdem Ergebnis von Gesprächen oder Leseerlebnissen mit Gedichten anderer Lyriker, die dem eigenen Schreiben vorausgegangen sind. In der Poesie ist es wohl wichtiger denn je, auf dem neuesten Stand über Trends und Entwicklungen zu sein, also im Austausch zu stehen mit Gleichgesinnten. Nichts wirkt so schnell antiquiert oder ungeschickt wie Lyrik ohne Bezug zu aktuellen Poetiken - und das hat noch nichts mit Talent zu tun.

Trotzdem halte ich es für wichtig, eine eigene Stimme zu entwickeln, rein aus praktischen Gründen. Auf Lesungen bekomme ich regelmäßig die Rückmeldung, dass meine Gedichte "berührt" hätten. Ich freue mich darüber, denn das heißt ja, dass ich etwas gegeben habe, Anregungen, Unterhaltung, Gefühl. Mehr als was man gelegentlich "Wortgeklingel" nennt. Es fiel in Feldkirch auch mehrmals der Begriff "Lebensbegleiter" für Gedichte, die manchen Lesern und Leserinnen langfristig etwas schenken. Solche Gedichte zu schreiben wäre erstrebenswert. Sind Gedichte aber weniger intellektuell, wenn sie unmittelbaren Zugang ermöglichen, auch nicht "Eingeweihten", eine persönliche Botschaft vermitteln, ein Gefühl?

Noch eine kleine Randbemerkung zur Stadt Mostar, der wir in unserem Blog ganz besonders verbunden sind: Am geschichtsträchtigen 9. November war der 20. Jahrestag der Zerstörung der alten Brücke. Dazu empfehle ich folgende Doku, die noch bis kommenden Samstag online ist:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/gesichtereuropas/2272624/

Und um diesen "informativen" Brief komplett zu machen, noch der Link zu deinem neuen Poetenladen-Profil, das sehr schön und repräsentativ geworden ist:

http://www.poetenladen.de//eva-brunner.php

Ich denke dieser Tage viel an dich und freue mich, bald von dir zu hören!

Sibylla

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Beeren

Ich füttere das Baby mit Beeren
den ganzen Sommer lang
zuletzt Blaubeeren und Himbeeren

Außen der samtige Pelz
Perle an Perle im blassen Rot
Reihe für Reihe aufgespannt
saftig und tiefrot das Innere

Beim Abspülen achten auf die Strahlstärke
das zarte Perlengehäuse soll nicht brechen
Samt und Saft sich erst im Mund vermischen

Der kleine Obststand an der Ecke
mit den Beeren aus Beelitz ist jetzt abgebaut
rund und dick der Babybauch

Donnerstag, 19. September 2013

Liebe Sibylla,

jetzt ist der Sommer schon wieder vorbei. Für mich ist es aber ok. Wettermäßig kann man sich dieses Jahr nicht beklagen, so dass auch die Daheimgebliebenen, wie du, und die Deutschlandreisenden, wie ich, einen richtigen Sommer hatten. Außerdem freue ich mich dieses Jahr wegen des erwarteten Nachwuchses mal richtig auf November. Ansonsten wirken bei mir gerade noch die anderen persönlichen Veränderungen nach. Bin froh und erleichtert, dass wir eine schöne Hochzeit hatten. Es fiel uns schon sehr schwer, uns für das Überhaupt und das Wie zu entscheiden. Jetzt sind wir beide zufrieden, und ich muss sagen, dass es sich wirklich anders anfühlt. Es ist schon mehr als ein bürokratischer Akt, deswegen fiel es uns ja auch schwer. Es ist praktisch, dass ich jetzt endlich, z. B. beim Arzt, ganz richtig „von meinem Mann“ sprechen kann, was einfach nach vielen Jahren und gemeinsamen Kind besser passt als „mein Freund“. „Mein Partner“ klingt zu sehr nach Business oder Sport und scheidet daher auch aus. Am Anfang der Elternschaft habe ich mich noch recht jung gefühlt und fand es schwer genug, mich überhaupt mit der Elternrolle zu identifizieren, so dass ich gerne durch die Formulierung „mein Freund“ betont habe, dass wir nicht verheiratet sind. Das hat sich dann schleichend geändert, von den staatlichen Bevorzugungen für Verheiratete, die man sich auf Dauer kaum entgehen lassen kann, ganz zu schweigen. Auf jeden Fall fühle ich mich jetzt, auch durch die Hochzeit, nochmal ein ganzes Stück erwachsener, sicherer und auf eine Art auch unabhängiger – natürlich nicht in der Beziehung, sondern eher dem Rest der Welt gegenüber.

Fand es auch toll, dass wir uns durch den Anlass nochmal gesehen haben. Wir müssen uns unbedingt regelmäßig besuchen! Und dann immer zusammen zu einer Literaturveranstaltung  gehen. Letzte Woche wäre ich sehr gerne mit dir beim Literaturfestival gewesen. Habe noch zwei Anläufe gestartet, eine Begleitung für eine Veranstaltung mit J.M. Coetzee zu finden. Er hat aus seinem Briefwechsel mit Paul Auster gelesen. Da ich von beiden Autoren ein paar Bücher gelesen habe, dachte ich, es sei ganz interessant, auch für unser Blog, zu schauen, was sie aus dem Briefformat machen. Außerdem wollte ich nochmal kurz in die Festivalatmosphäre eintauchen. Meine eigene Beteiligung in der Organisation liegt nun ja schon neun und zehn Jahre zurück – unglaublich, wie die Zeit vergeht. Für morgen bin ich zu einer kleinen Buchvorstellung eingeladen worden, so richtig schriftlich mit Karte. Da würde ich dich auch so gerne mitnehmen. Habe mir aber jetzt vorgenommen, alleine hinzugehen, obwohl es mich Überwindung kostet. 

Ich wünsche dir einen schönen Start in den Herbst,

deine Eva